Die Kreuzikone von Taizé 1

Seit einigen Jahren bin ich regelmäßig in der Woche nach Ostern gemeinsam mit Jugendlichen in Taizé. Oft habe ich vor der Ikone gekniet und gebetet. Ihr schlichtes, einfaches Aussehen zog mich von Anfang an in ihren Bann. Schritt für Schritt konnte ich mich in sie hineinvertiefen.

Diese Besinnungstexte sind nun das Ergebnis vieler Betrachtungen und Gebete vor dem Kreuz. Entstanden sind sie, weil ich mit diesen Texten einem Jugendlichen ein Abschlußgeschenk machen wollte, bevor er aus beruflichen Gründen von Altenburg wegziehen mußte. Er war mit nach Taizé gekommen und hatte über zwei Jahre die Jugendarbeit bei uns in Schwung gehalten. Deshalb habe ich sie auch noch nicht in einer größeren Runde als Meditation nehmen können.

Den Rahmen dieser Meditation bilden eine Einführung zu Deutung und Bedeutung von Ikonen sowie einige Gedanken als Nachbetrachtung, welche die drei Grundvollzüge der Kirche mit der Kreuzikone in Beziehung setzt.

Die Ikone
Deutung und Bedeutung

Ikonen – das ist eine eigentümliche Erscheinung in der Ostkirche. Wer eine orthodoxe Kirche betritt, wird den Innenraum, von den Wänden bis zur Decke, mit solchen Bildern ausgestattet sehen. Der Altarraum ist vom Kirchenschiff durch eine Bilderwand aus Ikonen getrennt. Auf Pulten oder Ständern finden sich weitere. Wer dann die orthodoxen Gläubigen beobachtet, dem wird die große Verehrung auffallen, die diese Menschen den Ikonen entgegenbringen: Sie verbeugen sich vor ihr, schlagen ein Kreuzzeichen und streicheln oder küssen diese Bilder. Ikonen findet man an Quellen aufgestellt. Jedes christliche Haus in der orthodoxen Welt hatte seine Ikonenecke. Oft wird davon berichtet, wie heiligmäßige Mönche unter Fasten und Beten Ikonen malen. Das gilt zugleich als Ideal bei der Herstellung eines solchen Bildes. Ja, es steckt etwas besonderes dahinter – etwas in das wir westlich geprägten Menschen uns nur allmählich hineinzudenken vermögen.

Die Ikone ist mehr als nur ein einfaches Gemälde. Sie ist das Abbild der dargestellten Heiligen, das Abbild Jesu Christi. Durch die Ikonen werden die Dargestellten nicht nur dargestellt, sondern sie sind durch sie anwesend und gegenwärtig. Darum vermittelt diese Bilder die Gnade Gottes. An sie wendet sich der Gläubige mit Bitten, von ihr erwartet er sich Hilfe der Heiligen, ihr erweist er die dem Heiligen zugedachte Ehre. Weil in der Ikone die abgebildete Person präsent gedacht ist, wird nun auch das Bild wie eine Person handelnd und reagierend erfahren. Verächter bestimmter Ikonen werden von diesen auf mannigfaltige Weise bestraft – so erzählen viele Geschichten. Oft begibt sich eine Ikone selbst an den Platz, den sie erwählt hat, und es scheitern alle Versuche, sie von dort wegzubringen. Die Bitte an den Heiligen kann auf Zettel geschrieben und an die Ikone gesteckt werden. Opfergaben wie Münzen, Blumen oder Kerzen werden zu ihr gebracht. So manches Wunder wird berichtet, welches die eine oder andere Ikone vollbracht hat. Dreimal soll die Wladimirskaja-Ikone Moskau vor den Tataren gerettet haben.

Es gab in der östlichen Kirche auch nicht die Fehlformen von Reliquienverehrung wie in der westlichen Kirche. Das war auch nicht nötig, waren doch die Heiligen und Jesus Christus in jeder Ikone präsent.

Mag es sein, daß viele in unserer westlich geprägten Welt diese orthodoxe Frömmigkeit innerlich nicht mitvollziehen können. Wer aber versucht, sie wenigstens vom Verstand her zu begreifen, der wird sich nicht der besonderen Ausstrahlungskraft, die von Ikonen ausgeht, verschließen können.

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