Taizé-Reflexionen

von Pfr. Thomas Cech

Diese Reflexionen sind nach dem Aufenthalt in Taizé 1999 entstanden. Ursprünglich sind sie als eine Predigt in der Gemeinde gehalten worden. Doch ich glaube, sie passen gut in diesen Zusammenhang. 

Gedanken zu Erfahrungen mit Taizé – eine Predigt

Vor kurzem, im Religionsunterricht der 11. Klasse, machte einer der Jugendlichen eine Bemerkung, die für mich zum Anstoß für die folgenden Gedanken geworden ist: Thematisch ging es in dieser Stunde um die Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Zuerst hatte ich dargestellt, welche Spannung in dieser Botschaft liegt. Auf der einen Seite leben wir in der Erwartung und bitten im Vaterunser „Dein Reich komme“. Unsere Welt, unser Zusammenleben wird einmal so heil und ohne jede Schattenseite sein, wie Gott es von Anfang der Schöpfung an gewollt und gedacht hat. Auf der anderen Seite verkündet Jesus aber zugleich, daß das Reich Gottes mit ihm schon begonnen hat. Es ist möglich, schon hier und heute etwas davon wahrzunehmen – wenn auch nur punktuell.

Schon hier und heute? Ungläubiges Staunen! Und dann die Frage: Wo soll denn das sein? – Ich gab diese Frage an die Jugendlichen zurück: Wo kannst Du hier, im Alltag wenigstens punktuell etwas davon erfahren, daß das Reich Gottes schon begonnen hat? Eine kurze Stille des Nachdenkens – und dann eben jene Bemerkung, von der die anfangs sprach: „Zwischen Lyon und Dijon.“ Er war einer von den über 80 Jugendlichen unseres Dekanates, die in der Woche nach Ostern mit in Taizé gewesen sind. Das heißt nicht, Taizé ist schon der vollkommene Himmel auf Erden. Aber in diesen wenigen Worten leuchtet die Erfahrung auf: „Dort hatte ich die Möglichkeit, einen kleinen Zipfel der Herrlichkeit des Himmels in den Händen zu halten.“ Und mit dieser Erfahrung stand er nicht allein da, keine Widerspruch wird bei solchen Worten laut.

Viele fragen: Woran liegt das? Was ist der Unterschied zwischen dem Alltag zu Hause und der Woche in dem kleinen französischen Dorf? Es fällt schwer, darauf eine Antwort zu geben. Es ist nicht möglich, es auf den Punkt zu bringen. Wie aus Mosaiksteinen gestaltet, muß die Antwort aussehen. Erst im Gesamt ergibt sich ein vollständiges Bild.

Einigen dieser Mosaiksteine möchte ich nachsinnen: Auf der einen Seite steht die Erfahrung, wie entsetzlich zerrissen unsere Welt ist. Das Thema „Krieg im Kosovo“ war allgegenwärtig. Die Gruppe aus Bulgarien mußte deshalb einen großen Umweg in Kauf nehmen und war vier Tage mit dem Bus unterwegs, um wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung in Taizé, daß ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Und weil das möglich ist, entfaltet sich eine innere Freude, die sich nur schwer beschreiben läßt. Sie nährt sich aus der Erkenntnis: Die Sehnsucht, die tief in meinem Herzen brennt, die Sehnsucht nach einer geheilten Welt ist keine Utopie. Es ist tatsächlich möglich, daß sie sich verwirklicht. Wenn überall auf der Welt die Menschen so miteinander umgehen würden, wie wir es hier erleben, dann wären wir auf dem Weg zur Versöhnung zwischen den Völkern nicht nur einen Schritt, sondern Meilen nähergekommen.

Es ist nicht vorstellbar, daß diese Sehnsucht bei anderen Völkern geringer wäre. Deshalb taucht die Frage auf: Wieso ist in Taizé möglich, wonach die Menschheit hungert? Wie ist es möglich, daß dieser Hunger auch da gestillt wird, wo ich zu Hause bin?

Eine Antwort läßt sich erahnen, wenn wir über eine Geschichte im Evangelium nachsinnen: Der Auferstandene offenbart sich einigen Jüngern am See von Tiberias (Joh 21,1-14). Diese Geschichte enthält eine Stelle die sehr seltsam erscheint. Nach einem ergebnislosen Fischfang bittet Jesus sie um etwas zu essen. Nachdem sie gestehen, nichts bieten zu können, schickt er sie zum Fischfang aus. Als sie aber mit vollen Netzen zurückkehren, ist er auf einmal derjenige, der für sie etwas zum Essen bereithält. Brot und Fisch liegen auf einem Kohlenfeuer für sie schon bereit. Sonderbar – eigentlich hätte er auf die Frage und auf die Aussendung zum Fischfang verzichten können.

In dieser Geschichte spiegelt sich unser Bemühen wieder, aus eigenen Kräften den Hunger nach Versöhnung zu stillen. Ein ergebnisloser Fischfang! Keine Erklärung bekommen wir dafür, warum das so ist. Erzählt wird uns allerdings, wie sich an dieser Situation etwas ändert: Die Jünger erfahren die Gegenwart des Auferstandenen. Sie hören auf ihn, ohne zu ahnen, daß er es ist. Darin liegt das Geheimnis ihres reichen Fischfangs: Sie hören auf ihn.

Darin liegt auch das Geheimnis, warum es in Taizé möglich ist, das Gleichnis der Versöhnung zu leben. Dreimal am Tag kommen die Jugendlichen mit den Brüdern zusammen, um gemeinsam mit ihnen sein Wort zu hören. Teil eines jeden Gebetes ist eine längere Stille. Wer still wird, öffnet sich für das Hören. Nicht jedem der Jugendlichen ist klar, daß es die Stimme des Auferstandenen ist, die er hört. Doch so wird das Gebet zur Quelle der Versöhnung. Kann derjenige, der dreimal am Tag sich der Stimme des Auferstandenen öffnet, auf Dauer mit anderen in Haß und Streit leben? Das Gebet ist das Eingeständnis: Ich habe nichts zu essen. Wo ich nur auf meine Kraft baue, bin ich arm dran. Das Gebet nährt die Erfahrung: Mein Hunger nach Versöhnung wird vom Auferstandenen gestillt. Als Gesang erklingt das in den Worten: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht. Christus, meine Zuversicht, auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Auf diese Weise wird das Evangelium zu einem Wegweiser, wie der Hunger nach Versöhnung auch dort gestillt werden kann, wo ich zu Hause bin. Ich brauche die Bereitschaft, mich der Gegenwart des Auferstandenen zu öffnen. Dann werde ich seine Stimme hören – mitten im Alltag. Wenn ich schließlich gemeinsam mit anderen bereit bin, mich von ihm senden zu lassen – wenn ich bereit bin, das zu tun, was er von mir verlangt, dann brauche ich mich um das Ergebnis nicht zu sorgen. Er ist es, der uns zu essen gibt.

Am Anfang stand die Frage: Wo kannst Du hier, im Alltag, wenigstens punktuell etwas davon erfahren, daß das Reich Gottes schon begonnen hat? Als Gemeinde versuchen wir hier aus der Erfahrung zu leben, daß der Auferstandene gegenwärtig ist. Ist es möglich, daß andere von unserer Gemeinde sagen werden: Einen solchen Ort, ja, den kenne ich?

Archiv: alle News