Die Ikone – Fenster zur Ewigkeit

von Thomas Böhm, Altenburg

 

Das Heilige Mandylion, Ikone vor dem Tabernakel

Das Abbild

“Dein Angesicht, Herr, suche ich. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir.” (Ps 27,8.9)

Der Vers aus Psalm 27 verkörpert die Sehnsucht des alten Israels, wie überhaupt die Sehnsucht aller glaubenden Menschen, das Antlitz Gottes zu sehen.

Aus dem Kreuzweg unseres Herrn Jesus Christus kennen wir das ausdrucksstarke Bild der sechsten Station: Veronika sieht das zerschundene Angesicht Christi und bietet dem kreuztragenden Herrn das Schweißtuch dar. In dieses drückt er sein Antlitz, das Antlitz Gottes: “Das wahre Bild“, lateinisch – griechisch übersetzt heißt das: vera Eikon. So ist es zum Namen der Veronika gekommen.

Das Volk Israel kennt das Gebot: “Du sollst dir kein Gottesbild machen” (Ex 20,4). Im Jerusalemer Tempel des alten Volkes Gottes war das Allerheiligste – die Bundeslade, d.h. Gott, der im unzugänglichen Licht wohnt (1 Tim 6,16) – durch den Vorhang zwischen dem Heiligem und dem Allerheiligstem völlig dem Sehen entzogen und unzugänglich.

“Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn” (Gal 4,4), “und er hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Als der unsichtbare Gott hinabstieg in das Reich des Todes, “da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei” (Mk 15,38). Der Vorhang der Unzugänglichkeit ist zerrissen; Gottes Licht ist in unserer dunklen Welt erschienen, der für uns sterbliche Menschen Unsichtbare ist sichtbar geworden. Gott ist Mensch geworden für uns, hat unser sterbliches Fleisch angenommen. Nun ist Gott nicht ein ferner Unbekannter. Er zeigt uns in Jesus sein Gesicht (Benedikt XVI.: “Jesus von Nazareth“). Dieses Einssein von Geist und Körper, des ewigen Gottes mit unserem vergänglichen Fleisch bei der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist für unseren Glauben wesentlich. Und mit ihm, dem Unsterblichen, im Glauben verbunden und eins zu sein, das ist unsere Erlösung.

In der Fleischwerdung des göttlichen Logos gründet das Dasein der Ikone. Nach wie vor dürfen wir uns kein Bild von ihm machen von demjenigen, den wir “mit unseren Augen gesehen” und “mit unseren Händen angefasst“ (Joh 1,1) haben. Er hat auf Erden seine Spur hinterlassen, hat sich der Welt eingeprägt. Nur seinen Spuren folgend, können wir sein Bild finden.

Die Ikone ist mehr als ein Bild. Sie ist ein Abbild des Wesentlichen, sie ist geprägt vom Ewigen, von Christus. Sie ist der Ort, das nicht Darstellbare zu zeigen – nicht allein nur das dornengekrönte Angesicht Christi, sondern ebenso zugleich den auferstandenen Sohn zur Rechten Gottes, des Vaters. Das Wesen Christi, wahrer Mensch und wahrer Gott, gekreuzigt und verherrlicht – dieses Paradox uns im Bild zu zeigen, das vermag die Ikone.

Zugleich ist sie auch Fenster – ein Fenster, durch das hindurch wir die Ewigkeit, das himmlische Jerusalem, das Heilige schauen.

In jeder orthodoxen Kirche finden wir die Ikonostase, die Wand zwischen Kirchenschiff und Altarraum, die diese nicht etwa voneinander trennt, sondern verbindet. Sie verstellt den Blick des Gottesvolkes in den Altarraum nicht etwa, sondern sie öffnet und verklärt ihn. Für die orthodoxen Christen wird durch die Ikonostase hindurch das sich im Altarraum vollziehende Mysterium der Gegenwart Gottes bei der Eucharistie sichtbar.

In der katholischen Pfarrkirche St. Hubertus in Dresden steht vor dem Tabernakel, d.h. vor dem Zelt, in dem unser Herr Jesus Christus im Zeichen der Eucharistie gegenwärtig ist, die Ikone mit seinem Antlitz. Sie vermag uns den Blick zu ihm hin zu öffnen. Durch sie hindurch wird der in der Eucharistie Verborgene für uns anschaulich; er bleibt nicht mehr ein ferner Gott, sondern ist – nun für uns Mensch geworden – sichtbar, greifbar, kostbar.

Eine Ikone ist kein Bild; sie ist ein Abbild, ihr liegt ein Urbild zugrunde. Die heilige Überlieferung, die Tradition der Kirche – in ihr wohnt der Heilige Geist, und sie existierte in der Kirche bekanntlich zeitiger als die Heilige Schrift selbst – drückt sich in unterschiedlichsten Art und Weise aus: vor allem in schriftlicher, aber auch in bildlicher oder in musikalischer Form (7. ökumenisches Konzil in Nicaea 787). Die christliche Ikone als eine der Seiten der Überlieferung wird somit vom Heiligen Geist inspiriert und gelenkt. Daher kann eine Ikone in keiner Weise von einem Maler nach eigenem Willen und nach eigenem Sinn ausgedacht werden, sondern sie muss als von Gott gegeben verstanden werden. Sie muss in Übereinstimmung mit der kirchlichen Überlieferung stehen, ohne dieser Gewalt anzutun.

Jahrhunderte hindurch, bis zur Erfindung des Buchdrucks, wurde die Heilige Schrift in den Schreibstuben der Klöster Buchstabe für Buchstabe kopiert. Peinlich genau achteten die Mönche darauf, dass das Wort Gottes nicht verfälscht wurde. Lediglich die individuelle Handschrift der Schreiber unterschied die einzelnen Werke.

Ebenso kann eine Ikone nur von einem kanonischen Urbild kopiert sein, einzig unterschieden durch die Handschrift des Kopisten. Daher ist dieser vielmehr Handwerker als Maler – richtig bezeichnet ist er ein Ikonenschreiber.

Das Mandylion

Unsere westliche Tradition kennt das Antlitz Christi im Schweißtuch der Veronika. Die Ostkirche besitzt eine andere Tradition des Abbildes Christi auf einem Tuch.

Die Legende überliefert: Abgar, der König von Edessa, der an Aussatz litt, glaubte an die wunderwirkende heilende Kraft Christi, des Sohnes Gottes. Daher entsandte er zum Heiland nach Palästina seinen Maler Ananias, dem er aufgetragen hatte, eine Darstellung Christi zu malen. Wegen der Volksmenge aber, die den Erlöser umgab, konnte Ananias den ihm zuteil gewordenen Auftrag nicht ausführen. Christus aber rief ihn mit Namen zu sich und übergab dem Maler für Abgar einen kurzen Brief, in dem er zusagte, seinen Jünger zu entsenden, der den König von seiner Krankheit heilen würde. Sodann bat er, dass man ihm Wasser bringe und ein Tuch, in welches er sein mit Wasser benetztes Antlitz abwischte.

Auf dem Tuch verblieb ein Abdruck seines göttlichen Antlitzes. Dieses Tuch, das später so genannte “Mandylion”, und der Brief wurden von Ananias nach Edessa gebracht, wo Abgar durch das Tuch eine fast vollständige Heilung von seinem Aussatz erfuhr. Nach der Ankunft des versprochenen Jüngers, nämlich des Apostels Thaddäus, wurde Abgar auch von den letzten Überresten des Aussatzes geheilt und empfing danach die Taufe. Soweit die Überlieferung. Von Edessa gelangte das Tuch nach Konstantinopel. Im 7. Jahrhundert verloren sich die Zeugnisse in den Wirren der Geschichte.

Neben dem Mandylion kennt die orthodoxe Tradition drei weitere Nicht-von-Menschenhand-gemachte-Bilder des Erlösers: das in Kamuliana, einem Ort in Kappadozien nahe Edessa erschienene so genannte “Kamulianon”, ein unter Kaiser Tiberius erschienenes und ihn heilendes Tuchbild sowie ein Abbild des Mandylion auf einem Ziegel, das so genannte “Keramidion”.

Auch das Abendland kennt nicht von Menschenhand gemachte Abbilder Christi. Das wohl bekannteste ist das Grabtuch von Turin. In der Turiner Basilika San Giovanni befindet sich diese wichtigste Reliquie des Christentums, ein Leinentuch mit dem schwarz-weiß-negativen Abbild der ganzkörperlichen Vorder- und Rückseite Christi. Im spanischen Asturien wird in der San-Salvator-Kathedrale das Schweißtuch von Oviedo aufbewahrt. Ein Veronika-Reliquiar mit dem Antlitz Christi, das identisch mit dem Edessa-Tuchbild sein soll, wird in der Schatzkammer des Petersdoms in Rom aufbewahrt und dort jährlich am fünften Sonntag der Fastenzeit zur Vesper gezeigt.

Ein weiteres Nicht-von-Menschenhand-gemachtes-Bild wird bei den Kapuzinern in Manoppello, einem kleinen Städtchen in den italienischen Abruzzen, ausgestellt. Auf einem aus Muschelseide, dem teuersten Gewebe der Antike, gearbeiteten Byssusgewebe befindet sich ein wunderschön erhaltenes Abbild Jesu. Dieses “Volto Santo”, das seit Anfang des 17. Jahrhunderts in Manoppello aufbewahrt wird, könnte durchaus das originale Edessa-Mandylion aus dem Petersdom von Rom sein. Diese These ist naheliegend, da das Veronika-Reliquiar während der Bauarbeiten am neuen Petersdoms, d.h. Anfang des 17. Jahrhunderts, zerbrochen wurde und das ursprüngliche Tuch durch ein anderes augenscheinlich ausgewechselt wurde. In diesem Zusammenhang ist besonders interessant, dass das Gesicht auf dem Schleierbild von Manoppello erstaunlicherweise eine klare Identität mit dem Gesicht auf dem Grabtuch von Turin erkennen lässt.

Für die Ikone vor dem Tabernakel der Kirche St. Hubertus in Dresden steht als Urbild das Mandylion, wobei die Proportionen des Antlitzes dem “Volto Santo” von Manoppello abgenommen sind.

Der Weg

Gott ist hinabgestiegen in das Reich des Todes, damit wir mit ihm hinaufsteigen in die Ewigkeit. Das Schreiben der Ikone ist ein Weg, der Weg der Welt, unser Weg zu Gott. Ganz zurücknehmen muss sich der Ikonenschreiber vor dem Werk, um Christus in seinem Innern groß werden zu lassen, sich von ihm bewegen zu lassen, so wie der Evangelist Johannes sagt: “Jener muss wachsen, ich aber geringer werden (Joh 3,30).

Das Schreiben einer Ikone vollzieht sich in einer Fülle von Schritten, die als Sinnbild für die Fülle, die Vielschichtigkeit Gottes stehen.

Getragen wird die Ikone in ihrer traditionellen Form von einem festen Grund: Bei Wandikonen ist er das Mauerwerk, bei den beweglichen Ikonen die Holztafel. Zur Abgrenzung des göttlichen Bildes bekommt die Malfläche einen Rahmen, der idealer weise eingefräst ist. Über einem aufgeleimten Tuch aus Leinen ist ein vielschichtiger Kreide-Leim-Grund aufgetragen. In die polierte Kreidefläche wird mit einer Nadel die zuvor übertragene Vorzeichnung, die Grafja, eingraviert.

Am Anfang der Ikone steht das Gold, Gold für das Göttliche – ein Sinnbild dafür, dass im Anfang aller Schöpfung allein Gott war. Der Hintergrund des Ikonenbildes ist daher vollständig Gold – oder aber wenigstens der Nimbus, der das Haupt des abgebildeten Heiligen umgibt. Der Nimbus zeigt uns ihre Transparenz für Gott. Durch die Heiligen hindurch ist das Wesen Gottes für uns in der vergänglichen Welt sichtbar, durch sie finden wir einen Zugang zu Gott.

Die Farben stehen als Sinnbild für die materielle, für die mit unseren Sinnen wahrnehmbare Welt. Als der Mensch mit Adam und Eva – geschaffen als Abbild Gottes (Gen 1,26) – durch den Sündenfall seine ursprüngliche Wesensschönheit verlor, trat er vom Licht der Gegenwart Gottes in die Dunkelheit der Verlorenheit und des Todes, in die Dunkelheit der Nacht. Schicht für Schicht, von den dunkelsten Tönen bis hinauf zu den hellsten Lichtern ganz in Weiß, werden nun die Farben transparent aufgetragen, ursprünglich in Enkaustik, später dann und bis heute in Eitempera. Denn in unsere Gottesferne leuchtet ein Licht, “Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm” (1 Joh 1,5). In unsere Erlösung pilgern wir Stufe für Stufe an der Hand, die uns von Gott entgegengehalten wird, hinauf in das himmlische Jerusalem, bis “wir sein Angesicht schauen werden” (Offb 22,4).

Die einzig angemessene Antwort auf das Geschenk unserer Erlösung ist der Lobpreis. In der Ikone konzentriert sich das ganze All, denn bei ihrer Schöpfung haben die verschiedenen Elemente Anteil - das Holz des Baumes, der Leim aus Haut und Knochen der Tiere, das Leinen der sonnengereiften Pflanzen, das Gold als edelstes der Metalle, die Naturfarben, die aus der Erde genommen sind, das Ei, welches die lebendige Welt repräsentiert und schließlich die Vollendung der göttlichen Schöpfung, der Mensch, welcher die Ikone schreibt. So loben diese die Herrlichkeit Gottes, indem sie seine Herrlichkeit widerspiegeln.

Oft wirken Ikonen auf uns eigentümlich und naiv. Wie alles Irdische hat auch die Fähigkeit des Ikonenschreibers Grenzen. Doch kein oberflächlicher Ästhetizismus vermag eine Ikone zu beurteilen. Was ist schön? “Nicht Schönheit war an ihm, noch edle Gestalt.”, sagt uns der Prophet Jesaja (53,2). Das wirklich Schöne - Wahrheit, Liebe - ist oberflächlich nicht darstellbar. Es bedarf eines wesentlichen Mediums. Die Ikone ist ein solches Medium. Sie ist wie die Stimme des Wortes, nicht das Wort selber. Es ist manchmal schwierig, Stimme und Wort zu scheiden. Die Stimme hat ihre Grenzen, das Wort selber ist gut und schön. Das Betrachten, das Verstehen der Ikone setzt einen inneren Weg voraus. Die innere Wahrnehmung muss sich vom bloß sinnlichen Eindruck befreien und in Gebet und Aszese ein tieferes Sehen erlernen, das Überschreiten vom bloß Äußerlichen zu der Tiefe der Wirklichkeit gewinnen, so dass wir sehen, was die Sinne als solche nicht sehen, den “göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi” (2 Kor 4,6). Dann werden wir mit dem Psalmisten anbetend bekennen können: “Du bist der Schönste von allen Menschen” (Ps 45,3). Glücklich der Mensch, der sieht und begreift.

Die Bedeutung der Ikone besteht in der geistlichen Gemeinschaft mit dem auf ihr Dargestellten. Das wird nicht etwa durch ihre äußeren Merkmale, ihr Alter oder ihren Stil bestimmt. Dies verlangt eine Hinwendung des ganzen Menschen mit Seele, Geist und Körper zu Gott hin. Das ist nicht zu begreifen mit dem Verstand, aber ein staunendes Herz kann sich davon ergreifen lassen.

Nicht das Reden über die Ikone ist daher von Bedeutung, die Gefahr des Zerredens gerade in unserer Welt ist groß. Schauen wir schweigend auf die Ikone, lassen wir sie wirken, in absichtsloser Betrachtung, ohne Berechnung und zweckfinales Denken.

Schauen wir hinauf zu ihm, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, schauen wir sein göttliches Angesicht. Lassen wir unsere Seele, unseren Leib von ihm prägen, dass wir ihm immer ähnlicher werden, bis wir eins sind in ihm. Machen wir uns auf den Weg, gehen wir mit unserem ganzen Wesen, zu Ihm, der schon zu uns gekommen ist. “So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen” (Eph 4,13). Das ist unser unerhört großes Ziel in der Welt: Christus in seiner vollendeten, verklärten Gestalt darstellen.

Komm, uns zu befreien, HERR, Gott der Mächte.
Zeige uns Dein Antlitz und wir werden geheilt und gerettet sein
(Ps 79,3-5).

Archiv: alle News