Die Mitte der Menschheit

von Wolfgang Löser, Architekt

Zur Neugestaltung des Kirchenraumes von St. Hubertus in Dresden

St. Hubertus nach der Neugestaltung 2007

Am 3. November 2007, dem katholischen Fest des Heiligen Hubertus, weihte der Bischof des Bistums Dresden- Meißen, Joachim Reinelt, in einem feierlichen Gottesdienst den neuen Altar der St.- Hubertus- Kirche des Dresdner Stadtteils Weißer Hirsch. „Der Altar ist die Mitte der Menschheit, denn hier geschieht die größte Stunde Gottes mit den Menschen, das Lebensopfer Jesu Christi auf Golgotha“, legte er in seiner Predigt dar. Der Altar ist Teil des neu gestalteten Kirchenraumes, der im Zuge der kürzlich fertiggestellten Renovierung der Kirche entstand.

Die Kirche St. Hubertus in Dresden, ein kleines, äußerlich eher unscheinbares Gebäude, zeugt wie kaum ein anderes Gotteshaus vom Wandel des Verständnisses von katholischer Liturgie und Raumgestaltung in den vergangenen Jahrzehnten. Die nun fertiggestellte Fassung ihres Innenraumes ist bereits die dritte in der kurzen Geschichte der Kirche.

Innenraum in der ursprünglichen Fassung, um 1951

Die erste Fassung des Innenraumes entstand 1936, im Jahr ihrer Erbauung, ganz aus dem Geist des tridentinischen Ritus und in der traditionellen Raumgestalt katholischer Kirchen nach einem Entwurf des Architekten Robert Witte. Sie war noch unberührt von allen Einflüssen der sich der Erneuerung des katholischen Gottesdienstes verschriebenen liturgischen Bewegung, die zur gleichen Zeit nicht weit von Dresden in der von den Oratorianern in Leipzig-Lindenau betreuten Pfarrei Liebfrauen begann, auch in der architektonischen Gestaltung des Kirchenraumes sichtbare Akzente zu setzen und nicht zuletzt deren Ideen wenige Jahrzehnte später das Erscheinungsbild katholischer Kirchen gravierend verändern sollten.

Die zweite Fassung des Kirchenraumes von St. Hubertus ist ein Ergebnis der Umsetzung dieser Ideen, die nach der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils Allgemeingut wurden. Bei der Umgestaltung, die in den Jahren 1975 – 1979 erfolgte, entfernte man die gesamte Inneneinrichtung der Kirche, allein die um 1950 von Bruno Seener geschaffenen Deckenbilder mit Szenen aus dem Leben des Hl. Hubertus und des Hl. Lambertus blieben erhalten. Der Hochaltar wurde abgebaut und durch einen in das Kirchenschiff hinein gerückten Volksaltar ersetzt, der Tabernakel in eine Wand seitlich vom Altarraum eingelassen. Die liturgischen Orte wurden in ihrer formalen Erscheinung auf die Erfüllung einer rein funktionalen Zweckbestimmung reduziert, Altartisch, Ambo und das Gestühl des Kirchenschiffes in gleicher Weise aus Stahlprofilen und Holzplatten gestaltet.

Innenraum in der zweiten Fassung, nach der Umgestaltung von 1975 – 1979

Im liturgischen wie architektonischen Sinn empfand man den in der Geschichte wohl einmalige Bruch mit tradierten Formen und Bildern des katholischen Kirchenbaus, wie er sich in tausenden Kirchen weltweit ereignete, vielfach als Aufbruch: „Man fragte nicht mehr: Wie hat man in früheren Kunstperioden eine Kirche, einen Altar gestaltet?, sondern: Was ist eine Kirche? Was ist ein Altar?“ (J. A. Jungmann)1.

Die Stärke dieses Ansatzes und seine geradezu existenzielle Ernsthaftigkeit in der Suche nach neuen Formen des Raumes und der liturgischen Orte war zugleich seine Schwäche: Sie ging einher mit einer radikalen Abkehr oder, wo dies nicht möglich war, eher sentimentalen Bewahrung traditioneller Formen. Bewahrt wurde bestenfalls, was unter dieser Prämisse als zu bewahren sinnvoll erschien. „Damit überliefert(e) man die Tradition einem Augenblicksurteil und einer utilitaristischen Rechtfertigung, vor der sie eigentlich nie so richtig bestehen kann. Tradition ist etwas Axiomatisches“ (M. Mosebach)2

Gewiss standen dahinter die besten Absichten: Die neuen Räume sollten wie die erneuerte Liturgie den Glanz edler Einfachheit verströmen. Doch nahezu zwangsläufig führte diese Suche in die Bildlosigkeit des leeren Raumes, wie er auch im Altarraum von St. Hubertus realisiert und dessen „Leere ja doch selbst als ein Bild“ (Romano Guardini)3 verstanden werden sollte.

Die im Jahr 2007 fertiggestellte dritte Fassung des Kirchenraumes von St. Hubertus entstand über einen Zeitraum von acht Jahren. Ursprünglich war, veranlasst durch den starken Zuwachs der Gemeinde in der Zeit nach 1990, eine Erweiterung der Kirche vorgesehen. Die Planungen dafür wurden jedoch nach einigen Jahren fallengelassen und, auch aus finanziellen Gründen, beschlossen, sich auf eine Sanierung des Vorhandenen zu beschränken. Dies, und der Wunsch nach einem neuen Altar, führte zu einem Nachdenken darüber, ob der Innenraum der Kirche in der Gestalt von 1975 zu belassen sei. Deren Konzept der äußersten Reduzierung der Formen und der Bildlosigkeit des Raumes hatte sich offenbar nicht als tragfähig erwiesen, wie der Umgang mit dem Raum in späteren Jahren zeigte. Versuche, den als entleert empfundenen Altarraum durch Dekoration, Blumen und Bilder zu gestalten, verdeutlichten eher eine Haltung der Verweigerung gegenüber diesem Konzept und eine Sehnsucht nach Bildern und Formen, die dem Betrachter helfen, das liturgische Geschehen zu verstehen und innerlich zu begleiten. Allerdings sind temporäre Installationen dafür wenig geeignet, denn sie entziehen dem Raum seine Sakralität und liefern ihn der Beliebigkeit aus. Sie mögen vielleicht auch ein Zeichen dafür sein, dass in den Jahren nach dem Konzil der stumme Blick auf das Mysterium der Liturgie und ihres Raumes hinter dem Wunsch nach kreativer tätiger Teilnahme zurückgetreten war.

Wie es, so Kardinal Ratzinger, „ in jeder Generation ein nötiges Ringen um das rechte Verstehen und das würdige Feiern der Liturgie“4 gibt, so auch im Mühen um Räume und Bilder, in denen und mit denen sie sich vollzieht. Die Konzeption der jetzt fertiggestellten Neugestaltung des Altarraumes von St. Hubertus begründet sich aus seinen Schriften zur Liturgie, in denen er wie kein anderer die nachkonziliare Entwicklung einer kritischen Bewertung unterzog und um einen rechten Vollzug der zentralen Ausdrucksform des Glaubens, der Liturgie, rang. Besonders in seinem grundlegenden Werk „Der Geist der Liturgie“ wird deutlich, worum es letztlich geht: um die Rückgewinnung der Sakralität in den liturgischen Feiern. Für den liturgischen Raum bedeutet dies: Das Ziel kann nicht der säkularisierte, nicht der allein subjektiv- künstlerisch geprägte und nicht der von jeder Tradition befreite Raum sein, sondern ein Kultraum, der die Gegenwart des Ewigen durchscheinen lässt.

Das wesentliche Anliegen der Neugestaltung des Altarraumes von St. Hubertus bestand darin, den liturgischen Orten wieder eine ihrem Sinngehalt angemessene Form und den ihrer Bedeutung gemäßen Platz im Raum zu geben. In besonderer Weise betrifft dies die Stellung des Tabernakels, des Ortes, an dem der Herr in seiner verwandelten Gestalt da ist und bleibt. „Wo das … erfahren wird, ist die Konsequenz unausweichlich: Dann müssen wir dieser Gegenwart ihren gebührenden Raum schaffen. /… / Im Tabernakel ist nun ganz verwirklicht, wofür ehedem die Bundeslade stand. Er ist der Ort des `Allerheiligsten`. Er ist das Zelt Gottes, der Thron, da er unter uns ist, seine Gegenwart nun wirklich unter uns wohnt…“(J. Ratzinger)5. So findet sich der Tabernakel nun nicht mehr an einem im Raumgefüge eher zufällig erscheinenden Platz, sondern wieder im Zentrum des Altarraumes, in einem engen räumlichen Bezug zum Altar, mit dem er durch seine Gestaltung auch in einen sichtbaren inneren Zusammenhang tritt.

Der Altar ist die eigentliche Mitte des Raumes. Seine Gestalt wird geprägt durch den in ihn eingeschriebenen Buchstaben Tau, der schon bei den Assyrern und den amerikanischen Urvölkern als Zeichen für den Mittelpunkt der Welt galt und, wie Isidor von Sevilla berichtet, auf römischen Soldatenlisten die Namen derjenigen kennzeichnete, die eine Schlacht überlebt hatten. Der biblische Bezug, auf den allein es hier ankommt, weist auf das Buch Ezechiel, in dem geschrieben steht, dass Gott seine Engel sandte, um auf die Stirn aller Getreuen Gottes das Tau als Zeichen ihres Heils einzuprägen (Ez 9,4). Auch im Neuen Testament wird dieses Motiv in der Apokalypse aufgegriffen. Beim Öffnen des sechsten Siegels heisst es:Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben. Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen“. (Offb 7, 2-4)

Die Stellung von Altar und Tabernakel zueinander, ihr Aufeinander-Verweisen und ihr Platz im räumlichen Gefüge des in der klassischen Form einer Wegekirche gestalteten Innenraumes soll zudem eine von J. Ratzinger, U.M. Lang und anderen formulierte Option ermöglichen und vielleicht initiieren – die gemeinsame Gebetsrichtung von Priester und Volk im liturgischen Gebet des Novus Ordo Missae Pauls VI.. „Es besteht kein Zweifel darüber, dass die Dialogpartien zwischen Priester und Volk sowie die Verkündigung des Wortes Gottes ein Gegenüber voraussetzen. Die Eröffnung und der Wortgottesdienst werden am besten, wie heute üblich, von den Sedilien und dem Ambo aus begangen. Ebenso ist es selbstverständlich, dass es gemäss den Rubriken des erneuerten Missale Romanum bei Teilen des Kommunionritus und bei der Entlassung zu einem Gegenüber des Liturgen und der Gläubigen kommt. Der eucharistische Liturgie im engeren Sinne, besonders beim Hochgebet, entspricht jedoch die gemeinsame Ausrichtung auf Gott, die durch die Wendung zum Altar ausgedrückt wird…6. Der Wortgottesdienst ist, so J. Ratzinger, “als Verkündigung ein dialogisches Geschehen, zu dem Anrede und Antwort gehören; so muss ihm die gegenseitige Zuwendung von Verkünder und Hörer zu eigen sein. Das eucharistische Hochgebet hingegen ist Gebet, in dem der Priester zwar als Vor-Beter fungiert, aber doch gemeinsam mit dem Volk und wie dieses zum Herrn hin gerichtet ist.“7

Eine weitere Absicht war, dem Raum der liturgischen Feier seine unverzichtbaren Elemente zurückzugeben: Formen und Bilder, wie sie den katholischen Sakralraum über Jahrhunderte prägten.

Ein Schlüssel zu ihrem Verständnis findet sich im Deckenbild des Altarraumes, einer Darstellung der Herabkunft des Heiligen Geistes bei der Taufe Jesu. Matthäus beschreibt dies mit den Worten: „…da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen“ (Mt 3,16). Das Bild von der Taube „erscheint … durch das Wörtchen “wie“ (wie eine Taube) als Vergleich für das im Grunde genommen Nicht- Beschreibbare“ (J. Ratzinger)8.

In dieser Weise der vergleichenden Abbildung, der Darstellung einer dem menschlichen Erfahrungshorizont entzogenen Erscheinung nicht als, sondern wie etwas, lässt sich auch die Gestaltung der Wände des Altarraumes verstehen, der Offb 21,2 und 18: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. /…/ Ihre Mauer ist aus Jaspis gebaut und die Stadt ist aus reinem Gold, wie aus reinem Glas“ und Ps 27,6: „Ich will Opfer darbringen in seinem Zelt, Opfer mit Jubel; dem Herrn will ich singen und spielen“ zugrunde liegen.

Es wäre zu wünschen, dass sich die Betrachter in dieser Weise auch der anderen Formen und Bilder des Altarraumes nähern: sie nicht als Abbild von etwas sehen, sondern als Bemühen um die künstlerische Wiedergabe innerer Bilder und Visionen, die die Verfasser der Heiligen Schrift überliefert haben; und dadurch ermutigt zu werden, eigene innere Bilder in sich entstehen und sprechen zu lassen.

Eucharistiefeier während des Weihegottesdienstes 2007

Das Bildprogramm des Altarraumes ist derzeit noch nicht vollendet.. Die Bilder des Raumes und die inneren Bilder der Betrachter werden ihren Bezug und ihre Quelle finden in einem vera icon, einer Wiedergabe des wahren Antlitz Christi, das in einigen Monaten, vielleicht in der Osternacht 2008, als Christus-Ikone am Tabernakel seinen Platz finden wird.

Vieles im Kirchenraum von St. Hubertus ist neu, doch es gibt auch einige Zeugnisse der Vergangenheit, so die Deckenbilder, die Heiligenstatuen und den Taufbrunnen aus der ursprünglichen Ausstattung und das von Peter Makolies geschaffene Kruzifix, dass um 1975 seinen Platz in der Kirche fand. Man muss dies wissen, um den Raum in seiner Gesamtheit – und auch in seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit – zu verstehen. Gewiss kann man über die künstlerische Qualität des Übernommenen im Einzelnen unterschiedlicher Meinung sein, doch ist sie nicht der alleinige Maßstab religiöser, oder genauer: liturgiefähiger Kunst. So, wie es in der Liturgie „Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch9 gibt, muss dies auch für Architektur und Kunst, die der Liturgie Raum gibt und den Glauben in Bilder zu fassen versucht, gelten: „Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß… Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind und ihnen ihren rechten Ort zu geben“(Benedikt XVI.)10.

In seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ schrieb Kardinal Ratzinger von der Hoffnung, seine Gedanken mögen „.auf neue Weise so etwas wie eine liturgische Bewegung, Bewegung zur Liturgie hin und in ihren rechten inneren und äußeren Vollzug hinein11 anstoßen. Die Neugestaltung des Gottesdienstraumes von St. Hubertus in Dresden versteht sich als ein Beitrag dazu.

 


Quellennachweis

  1.  J. A. Jungmann, zitiert nach: Kunst im heiligen Dienst, Leipzig 1964, S. 29
  2.  Martin Mosebach, in: Der Standard, 2007
  3. Romano Guardini, zitiert nach: Kunst im heiligen Dienst, Leipzig 1964, S. 31
  4. Josef Kardinal Ratzinger, in: U.M. Lang, Conversi ad Dominum, Johannes-Verlag 2003, S. 11
  5. Josef Kardinal Ratzinger, Der Geist der Liturgie, Herder 2000, S. 78
  6. Uwe Michael Lang, Conversi ad Dominum, Johannes-Verlag 2003, S. 135 f.
  7. Josef Kardinal Ratzinger, in: U.M. Lang, Conversi ad Dominum, Johannes-Verlag 2003, S. 9
  8. Josef Kardinal Ratzinger, Josef von Nazareth, Herder 2007, S. 49
  9. Benedikt XVI., Begleitbrief zum Motu Proprio Summorum Pontificum, 7.7.2007
  10. Benedikt XVI., Begleitbrief zum Motu Proprio Summorum Pontificum, 7.7.2007
  11. Josef Kardinal Ratzinger, Der Geist der Liturgie, Herder 2000, S. 8

 

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