Die Pfarrkirche St. Hubertus

Architektur und Botschaft

von Pfarrer Thomas Cech

Die anbetende Kirche vor Gottes Angesicht

Betritt der Besucher die Katholische Pfarrkirche St. Hubertus in Dresden, dann nimmt er sicher sofort wahr, der Raum nicht einheitlich ist. Da ist einerseits der Kirchenraum, wo die Gemeinde sitzt mit der dominierenden weißen Farbe und den Deckenbildern. Da ist andererseits der Altarraum ganz vorn mit der dominierenden goldenen Farbe.

Betrachten wir zunächst den Kirchenraum. Ihn kennzeichnet, dass er gefüllt ist mit Menschen – solchen aus Fleisch und Blut, anderen als Statuen an den Wänden oder Bildern an der Decke: der Hl. Hubertus, der hl. Antonius, der hl. Lambertus und Maria, die Mutter Jesu. Darin können wir ein Abbild der Kirche entdecken. Sie ist nicht in erster Linie eine menschliche Institution. Zuerst ist sie die Gemeinschaft derer, die sich zu Jesus Christus, zum dreifaltigen Gott bekennen. Darum sprechen wir von der sichtbaren und von der erhöhten bzw. der unsichtbaren Kirche. Die sichtbare Kirche besteht aus den gerade jetzt lebenden Menschen. Die erhöhte Kirche besteht aus diejenigen, die vor uns gelebt haben. Für diese unzähligen Menschen stehen stellvertretend die Heiligenfiguren. Sie lassen 2000 Jahre Glaubensgeschichte als Lebensgeschichte aufleuchten. Und sie stehen für das Ziel unseres menschlichen Lebens: Wir wollen am Ende unseres Lebens zu dieser unsichtbaren, erhöhten Kirche gehören. Das heißt in biblischer Sprache: Wir wollen mit den Heiligen in unseren weißen Taufkleidern vor dem Thron Gottes stehen. Das dominierende Weiß des Kirchenraumes lässt sich auch in dieser Weise verstehen. So ist das, was der Betrachter sieht, mehr als eine schöne Ausstattung. Es wird zu einem Sinnbild für die Wirklichkeit der gegenwärtigen und der vollendeten Kirche. Es lässt sichtbar werden, was in der Liturgie wirklich geschieht: Die ganze Kirche tritt anbetend vor Gott.

Kirchenraum nach der Neugestaltung 2007, Entwurf Wolfgang Löser

In einem kurzen Bibeltext aus dem Buch der Offenbarung (7,9f) leuchtet diese Botschaft auf: “Ich sah eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen. Niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm“, von Jesus Christus.

Der Altarraum stellt demzufolge das Gegenüber der Kirche dar – Gott selbst. Er ist Symbol für den Raum des Göttlichen, des Allerheiligsten, des Ewigen. Gerade in der Altarraumgestaltung der Hubertus-Kirche wird das in einer besonderen Weise zum Sinnbild. Hier erkennt der Betrachter die Gegenwart des dreifaltigen Gottes: Als Christen sprechen wir “Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes”.

Der Sohn, Jesus Christus, ist gegenwärtig im Tabernakel. In dessen Tür ist eine Ikone zu sehen – vom Typus eine Mandylion-Ikone. Dargestellt ist der Kopf Jesu Christi auf einem Tuch. Im Abendland ist dieses Bild bekannt als Schweißtuch der Veronika. Dort aber trägt das Antlitz Jesu in der Regel Dornenkrone und viele Wunden. Die östliche Tradition dagegen lässt hier durchgehend das österliche Gesicht Jesu sichtbar werden.

Eine Darstellung des Heiligen Geistes finden wir in der Deckengestaltung des Altarraumes. Seit alters her ist die dritte göttlicher Person mit dem Symbol einer Taube verbunden. Hier kann der Betrachter zwar einen Anklang daran erkennen. Darüber hinaus sieht er aber auch viel Bewegung darin. In der Hl. Schrift heißt es, dass der Heilige Geist wie in einem Sturm auf die Menschen herabkam.

Auf welche Weise aber soll man in unserer Zeit die erste göttliche Person, den Vater, darstellen? In der Barockzeit geschah das oft so: ein älterer Mann mit Bart auf einer Wolke. Zu dieser Symbolik finden wir heute nur schwer einen direkten Zugang. Kann man Gott überhaupt darstellen? Ist er nicht Geheimnis? Seit uralter Zeit ist die Farbe Gold diejenige, die für das Göttliche steht. Die Herrlichkeit Gottes ist nicht darstellbar. Aber ich kann etwas davon ahnen, wenn ich mich der überströmenden Fülle und Herrlichkeit aussetze. Dafür steht das Gold. Gleichzeitig sind in diese strukturierte Oberfläche der Wand noch andere biblische Bilder eingeflossen: das ist im alten Testament die Rede vom heiligen Zelt Gottes, das Neue Testament spricht von der himmlischen Stadt Jerusalem.

Auch dazu eine Stelle aus diesem Buch der Offenbarung (21,2.18b.23b.24a.25): “Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen. – Die Stadt ist aus reinem Gold, wie aus reinem Glas. – Die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm (Jesus Christus). – Die Völker werden in diesem Licht einhergehen. – Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen – Nacht wird es dort nicht mehr geben.”

Der Mensch begegnet seinem Gott

In einem ersten Gang haben wir das Gegenüber von Gott und Mensch betrachtet. Dieses meint aber nicht eine absolute Trennung. Darum soll in einem zweiten Gang betrachtet werden, auf welche Weise der Mensch seinem Schöpfer begegnet.

An der linken Seite sieht der Betrachter eine Treppe aus Glas. Sie scheint aus dem Gold, aus der himmlischen Sphäre, uns entgegen zu kommen. Immer wieder kommen Menschen zur Kirche, um für ganz bestimmte persönliche Anliegen zu beten. Dafür zünden sie ein Licht an. Gebete erhellen unser Leben. Diese Glastreppe ist der Ort, auf dem diese Opferlichter abgestellt werden.

Im Alten Testament, im Buch Genesis, finden wir den Traum Jakobs, welcher der Schlüssel zum Verständnis dieses Ortes ist. Dort heißt es (28,12): “Da hatte er einen Traum. Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.”Durch die Glastreppe wird dieses Schriftwort versinnbildlicht. Es ist etwas Tröstendes und Heilsames zu wissen, dass sich die Engel unserer Gebete annehmen und sie zu Gott hintragen. Durch das menschliche Gebet entsteht eine erste Verbindung zwischen Mensch und Gott. Das Gebet ist gleichsam die universale Brücke, durch die Menschen in allen Religionen dieser Welt mit Gott in Verbindung treten.

Ambo, Entwurf Wolfgang Löser

Wandert der Blick nun nach rechts, dann sieht der Betrachter den Ambo – der Ort, von dem aus die Texte aus der Heiligen Schrift verkündigt werden, der Ort, von dem aus gepredigt wird. Dieser Ambo erscheint zweiteilig – ein Symbol für die Heilige Schrift. Sie besteht aus zwei Teilen, dem Alten und dem Neuen Testament. Gleichzeitig ist es möglich, darin zwei ausgestreckte Hände wahrzunehmen. Diese Hände sind zunächst leer. Wenn die Bibel auf dem Ambo liegt, erhalten diese Hände des Menschen das Wort Gottes. So wird dieser Ort zugleich zu einem Symbol für die Offenbarung Gottes. Auf diese Weise entsteht eine zweite Beziehung zwischen Gott und Mensch – der Mensch wird zum Hörer und zum Verkünder des Wortes Gottes. Es lohnt sich, diesen Ort des geistlichen Geschehens einmal in der Weise zu meditieren, indem der Betrachter des gesamten Psalm 119 betet. An dieser Stelle mögen die Verse 48.81.89.114 als Auswahl genügen: „Ich erhebe meine Hände zu deinen Geboten; nachsinnen will ich über deine Gesetze. Nach deiner Hilfe sehnt sich meine Seele; ich warte auf dein Wort. Herr, dein Wort bleibt auf ewig, es steht fest wie der Himmel. Du bist mein Schutz und mein Schild, ich warte auf dein Wort.“ Die Wirklichkeit der Verkündigung leuchtet auf in der Erfahrung des Propheten Jeremia. Dort heißt es (1,9): Der Herr streckte seine Hand aus, berührte meinen Mund und sagte zu mir: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund.”

Den breitesten Raum nimmt die dritte Beziehungsbrücke zwischen Gott und dem Menschen ein. Sie umfasst das Kreuz, den Altar, den Taufbrunnen und das Tor. In der Tat ist der Altarraum als ein großes Tor in die himmlische Stadt gestaltet. Der Betrachter findet es an der Berührungslinie zwischen Kirchen- und Altarraum. Die beiden goldenen Streifen rechts und links zur Außenwand hin lassen ein großes weißes Tor zum Altarraum sichtbar werden. Es besitzt scheinbar keine Türen, die verschlossen werden können. „Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen“, hieß es im Buch der Offenbarung. Es gehört mit zum Kern des christlichen Glaubens, dass dieses Tor zur göttlichen Herrlichkeit erst durch Jesus Christus vollkommen geöffnet wurde, durch seinen Tod und seine Auferstehung. Jesus sagt von sich im Johannesevangelium (10,9): „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ So ist es nicht zufällig, dass das Kreuz mitten in diesem symbolischen Tor hängt.

Altarkreuz, Entwurf Peter Makolies

In der Passionsgeschichte des Johannesevangeliums heißt es (19,33f): Als die Soldaten zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich flossen Blut und Wasser heraus.” Vor diesem Hintergrund kann der Betrachter zwei Sinnlinien erkennen, die vom Kreuz ausgehen. Das Wasser fließt in den Taufbrunnen. Dort empfängt der Gläubige die heilige Taufe. Das Blut fließt in den Kelch auf dem Altar. Von dort empfängt er in der Heiligen Messe das Blut Christi. Im Markusevangelium fragt Jesus seine Jünger (Mk 10,38f): “Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde. Sie antworteten: Wir können es. Das sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde.” Tod und Auferstehung Jesu haben den Menschen das Tor zur göttlichen Herrlichkeit geöffnet. Durch das Sakramtent der Taufe und das Sakrament des Altares entsteht mehr als eine bloße Verbindung zwischen Gott und Mensch. In diesen beiden Sakramenten durchdringen sich göttliche und menschliche Wirklichkeit. Der gläubige Christ weiß darum, dass er auf diese Weise schon in seinem irdischen Leben hineingenommen wird in die Gegenwart Gottes.

Altar, Entwurf Wolfgang Löser

Diese Glaubenswirklichkeit kann der Betrachter noch einmal in der Symbolik des Altares unterstrichen sehen: Sieht man ihn genau an, dann kann man darunter ein T durchscheinen sehen: das Tau-Kreuz leuchtet auf. Der Altar steht für den Opfertod Jesu, für sein Kreuz. Uns hat dieses Lebensopfer die Erlösung gebracht. Wieder lässt sich diese symbolische Botschaft an zwei Schriftworten festmachen und vertieft betrachten. Schon im Buch Ezechiel spielt dieses Tau-Zeichen eine Rolle als Zeichen der Errettung: “Der Herr sagte zu ihm: Geh mitten durch die Stadt Jerusalem und schreibe ein T auf die Stirn aller Männer, die über die in der Stadt begangenen Gräueltaten stöhnen und seufzen.” (9,4) Im Buch der Offenbarung wird denen, die gerettet werden, ein Siegel auf die Stirn gedrückt: “Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben. Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen.” (7,2-4) Im Sakrament der Firmung zeichnet der Bischof das Kreuz mit den Worten “Sei besiegelt mit der Gabe Gottes, dem Heiligen Geist.” auf die Stirn der Firmlinge. Wieder und wieder leuchtet das Kreuz als Erlösungszeichen auf. All das sammelt sich in dem durchscheinenden Tau-Kreuz unter dem Altar.

Der Mensch auf dem Weg zur himmlischen Herrlichkeit

Gebet, Heilige Schrift, Sakramente der Kirche – das ist die dreifache Begegnung mit dem dreifaltigen Gott. Das durchzieht wie ein roter Faden den Lebensweg des gläubigen Christen. Der Kirchenraum bildet diesen menschlichen Lebensweg in einer idealen Weise ab. Dieser soll in seinen einzelnen Stationen zum Schluss skizziert werden.

Zunächst gibt es ein Draußen-Sein, indem der Mensch außerhalb der Kirche lebt. Die Lebenswege laufen kreuz und quer, ohne dass sie eine Zielrichtung erkennen lassen. Das mag ein Bild dafür sein, dass der Mensch auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens, nach dem Urgrund des Seins, nach Gott ist.

Es ist möglich, dass der Mensch nicht draußen bleibt, sondern in die Kirche eintritt. Dieses Von-draußen-Hereinkommen versinnbildlicht: Der suchende Mensch findet einen Zugang zur verborgenen Gegenwart Gottes. Er spürt dessen Nähe in seinem persönlichen Leben und in der Welt. Ein Leben, das der Ziellosigkeit ausgeliefert war, findet nun seine Zielrichtung auf Gott hin.

Dieser zunächst ganz individuelle Schritt mündet ein in die Gemeinschaft der Glaubenden. Durch Gebet, Lesen der Heiligen Schrift und die Feier der Sakramente wird er zu einem Teil des Volkes Gottes. Das In-der-Kirche-Sein ist so nicht nur allein eine Aussage über den Aufenthaltsort. Es versinnbildlicht: Der einzelne lebt in einer menschlichen Gemeinschaft, und er lebt gleichzeitig in Gemeinschaft mit Gott. Schon im irdischen Leben ist er in diese göttliche Gegenwart hineingenommen.

Tabernakeltür, Ikone „Das Heilige Mandylion“

Allerdings bleibt auch jedem Gläubigen die Gegenwart Gottes im Sakrament der Eucharistie verborgen. Es bleibt Geheimnis des Glaubens. Das schaut der Betrachter im Tabernakel: Die Ikone ist mehr als nur ein Bild. Das Brot dahinter ist mehr als nur Hostie oder Oblate. Das Auge des glaubenden Menschen sieht das göttliche Geheimnis, freilich verborgen hinter einem Schleier. Im Johannesevangelium (14,9) zeigt Jesus einen Weg zu diesem tieferen Sehen: “Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.”

Aber der glaubende Mensch weiß auch: Wenn auch ich wie Christus am Kreuz durch den Tod gegangen bin, dann erwartet mich nicht die Finsternis des Todes. Dann wird wie ein Vorhang beiseite gezogen, dann kann ich ihn schauen von Angesicht zu Angesicht. Paulus drückt diesen Gedanken im ersten Korintherbrief (13,12) folgendermaßen aus: “Jetzt schauen wir in einem Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.”

Vielleicht lässt sich dieser Weg am deutlichsten für den Betrachter nachempfinden, wenn er ganz bewusst zur Tür hineinkommt, wenn er dann den Mittelgang langsam nach vorn schreitet und dabei immer den Blick auf die Mandylion-Ikone in der Tabernakeltür gerichtet hält. Wenn er, vorn angekommen, innehält und dann Christus in die Augen sieht und gleichzeitig darum weiß, dass Christus auf ihn schaut, dann ahnt er etwas von der Herrlichkeit, die hinter allem dann zu finden sein wird.

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